Gross Mythen "Hampeissiwäg"

Als wir noch in Goldau wohnten hat mich die recht kompakte Westwand des Grossen Mythen schon ziemlich beeindruckt. Konnte sie ja täglich sehen; mehrfach hatte ich mir auch schon im Kletterführer die Routen angeschaut die dort durchführen, und die sind schon mehrheitlich im Bereich des machbaren. Irgendwie war klar: als Kletterer (zumindest mit einem gewissen Bezug zur Zentralschweiz und dem Schwyzer Talkessel) muss man eigentlich irgendwann einmal durch diese Wand.

Mit Heinz war ich nun auf der Suche nach einer geeigneten Formcheck-Tour; wir waren auch dank des bescheidenen Frühjahrs beide noch nicht wirklich im alpinen Fels unterwegs gewesen und die Boulderhalle bereitet einen nicht auf das vor was einen in einer alpinen Tour erwartet. Die Rahmenbedingungen waren also einigermassen klar: Tour im mittleren Schwierigkeitsbereich, nicht zu lang, trotzdem nicht unbedingt Plaisir, nicht zu weite Anfahrt, damit wir das ganze möglichst noch an einem Tag machen konnten und nicht in die (zurzeit fast alltägliche) nachmittägliche Voralpen-Gewitter-Welle geraten. Mir fiel der Mythen wieder ein und damit stand auch schon der Plan.

Der Hampeissiwäg ist eigentlich ein Klassiker in dieser Wand (Beschreibung, Topo). 10 Seillängen, ca 390 Klettermeter, meist der Linie des geringsten Widerstands folgend und damit alles andere als straight-up. Die Wegfindung ist tatsächlich eine Herausforderung! In den 70er Jahren als (partielle) Technotour (6, A0) erstbegangen wurde sie irgendwann einmal saniert, ist aber immer noch eine Tour mit alpinem Charakter, sowohl was die Absicherung als auch die Felsqualität betrifft. Und trotz ihrer scheinbaren Kompaktheit ist sie dermassen von grünen Rinnen und Bändern und Legföhren durchzogen, dass man schon fast von Mixed-Kletterei sprechen kann. Bei einer Sommerbegehung wechseln halt nicht Fels und Eis sondern Fels und Gras/Föhren, und wenn man die Tools mitgenommen hätte könnte man sie in gewissen Passagen gewinnbringend einsetzen. Steigeisen halten sicher auch besser auf den Graspolstern die im nahezu vertikalen Riss wuchern als die Reibungssohlen der Kletterschuhe und es ist fast schon gefährlich mit feuchten, erdigen Sohlen wieder im Fels anzutreten. Potenziellen Wiederholern sei nebenbei die Mitnahme einer Holzsäge für den intensiven Nahkampf mit Legföhren angeraten!

Die Tour ist wirklich extrem vielseitig, und schöne Freikletterstellen bis max 6b+/6c (eingebohrte Direktvarianten, wenige Meter) wechseln sich ab mit Technopassagen in glatten Platten, wo man sich gerne 10 Meter an Trittschlingen hocharbeitet, oft in uralten rostigen Normalhaken stehend, die man als Griff auch mal voll axial belasten, also quasi aus dem Fels "rausziehen" muss. Hier kann man man das Eindrehen auf Normalhaken üben, wo kann man das sonst? Dazwischen Längen mit lediglich 2 Rostgurken und einem Bohrhaken, ein luftiger Quergang, athletische Risse wo man auch mal den ganzen Arm reinstecken und verklemmen muss und oben muss man auch seiltechnisch in die Trickkiste greifen und einen Pendelquergang ca 8 Meter nach links vollführen. Das ganze am besten in Halbseiltechnik damit der Nachsteiger frei klettern kann; das Petzl Reverso im Blockiermodus so zu bedienen dass man gleichzeitig ein Seil einholt und das andere ausgibt finde ich sehr gewöhnungsbedürftig. Das ganze bedarf jedenfalls noch einiger Übung...und der Piaz-Riss nach dem Pendelquergang (in dem man im Vorstieg keine Sicherung mehr legen darf) ist gottseidank nicht übermässig schwer, sonst hätte ich mich wohl recht gefürchtet angesichts der Sicherung die aus einem einzigen Halbseilstrang besteht der auch noch genau von der Seite zu kommen scheint. Am nächsten (dem letzten) Stand fühlt man sich dann wie mitten in einem Wald, den man nur durch Besteigen des nächsten Baumes nach oben verlassen kann, hier wäre die Holzsäge wieder nützlich und Heinz sprach nach erfolgreicher Überwindung der Föhre von "siebenköpfiger Schlange". Die Ausstiegslänge ist noch 4b/T5, die Hauptschwierigkeit ist aber tatsächlich einen Tunnel durch das 3D-Föhrendickicht zu finden; die Länge verdient tatsächlich wie an anderer Stelle vorgeschlagen eine "L" = Legföhrenbewertung. Mein Vorschlag: sicher L5. Heinz hat da eine gute Spürnase, ich muss lediglich dem Seilverlauf folgen.

Auf den Mythen kommt man dann via das Rot Grätli, eine teils ausgesetzte und damit eindrückliche T5 Wanderung; leider fing es an zu regnen als wir am Ausstieg der Wand standen und hetzten das Ding dann ziemlich rauf. Hat sich aber gelohnt, gerade als wir oben bei der Hütte auf dem Mythen ankamen fing ein 20-minütiger Starkregen an den wir für eine Kaffeepause nutzten. Der Abstieg war nachher auch noch eher feucht, aber nicht dramatisch. Heinz musste ihn nebenbei auf dem Styrodämpfungsschaum seiner Laufschuhe bewältigen - die Sohle konnte beim Zustieg unserem Tempo nicht folgen und beschloss auf einmal sich vom Schuh zu trennen - vielleicht war sie einfach altersschwach, wir wissen es nicht...


Eine super Tour jedenfalls!!

Nachteil: Da die Stände nicht extrem exponiert sind ist die Tour nicht wahnsinnig fotogen. Das ist natürlich nur im Nachhinein unschön; ein paar ansehnliche Fotos sind trotzdem entstanden, würde ich meinen. Ach ja, wir kletterten tatsächlich die meiste Zeit in einer Wolke, so dass wir von der direkten Sonne verschont wurden - leider auch von ein paar imposanten Tiefblicken.

Ein Dank an Marcel Dettling für das im Internet bereitgestellte Topo!!