Entwicklungshilfe

Reichlich müde sitze ich am Gate des Flughafen Paris Charles-de-Gaulle, habe gerade ein anständiges französisches Frühstück, bestehend aus Pain-au-chocolat und Café au Lait verdrückt. Es ist 10:43 Ortszeit, meine Armbanduhr steht aber noch auf 4:43 in der Nacht, das ist Martinique-Zeit...

Bin ganz froh, wieder in Europa zu sein, wobei - über die EU bin ich ja nicht hinausgekommen in der letzten Woche, trotz der geographischen Lage von 60 Grad in der westlichen Hemisphäre und nur 14 Grad nördlich des Äquators. Martinique ist ein DOM Frankreichs (Département d'outre-mer), und damit eine der amtlichen Aussenstellen der EU und bevorzugtes Reiseziel französischer Rentnerehepaare. Gesprochen wird französisch oder Créole, bezahlt mit dem Euro. Bequem. Unbequem dagegen die Temperatur und Luftfeuchte...

Arbeiten lässt es sich da nur in klimatisierten Räumen, draussen heisst es von null auf nass in unter 10 Sekunden, das T-Shirt klebt am Körper und das Atmen fällt schwer, weil die Luft auf dem Weg in die Lunge erst auf 36 Grad runtergekühlt werden muss. Vielleicht passt ja die Temperatur auch, dafür die relative Feuchte nicht - ist auch egal, das ist nicht mein Klima.

Aber ich hatte nun mal eingewilligt, den Job zu machen und es war in der Tat für mich eine sehr anstrengende Angelegenheit, von Anfang bis Ende. Letzten Sonntag früh um 7:30 ging mein Flug ab Zürich, da sollte ich etwa um 6 am Flughafen sein. Aus Winterthur war Fliegen recht bequem gewesen; innerhalb von 15 min war man mit dem Zug am Airport. Von Bern ist das nun etwas komplizierter, da sind es eher eindreiviertel Stunde, und es gibt gar keinen Zug der mich so früh am Sonntag morgen zum Flughafen bringt. Wir hatten aber Irene und Mario aus Winterthur schon länger nicht mehr gesehen, also haben wir (Andrea und ich) kurzerhand gefragt ob wir vorbeikommen könnten und (ich zumindest) bei ihnen übernachten könnte. Am Samstag war nebenbei noch Boulder-Worldcup in unserer alten Stamm-Kletterhalle in Greifensee, und so fuhren wir Samstag nachmittag mit dem Auto nach Greifensee und nach dem (spannenden) Worldcup-Finale gleich nach Winterthur. Die zwei hatten noch Pizza gemacht und es wurde ein echt schöner Abend. Aber dann gings los: Reichlich müde um 4:45 aufstehen, 5:20 der erste Bus nach Winti HB, eine Viertelstunde später Anschluss mit der SBB zum Flughafen. Einchecken, Passkontrolle, Handgepäck und ...warten. Unspektakulärer Flug nach Paris CDG, leider hatte ich den Anschluss erst 4 Stunden später, aber das hatte auch einen Grund. Ich musste nämlich erst den Transfer nach Paris Orly machen, was ca am anderen Ende dieser Riesenstadt liegt und eine gute Busstunde kostet. Gepäckweiterleitung gibt es keine, also erst den Koffer holen und dann den Bussteig suchen. Nun ja, der Bus nach Orly fährt von Terminal 2A, 2B, 2C, 2D und 2E ab. Ich war leider am 2G, musste also erst auf einen Shuttle, der mich dann in 6 min. nach 2B brachte. Dort suchte ich sicher 20 min nach dem richtigen Ausgang zum Bussteig. Als ich ihn gefunden hatte, fiel mir noch ein, dass ich keine flüssigen Euro besass. Und diesen Transfer muss man bar im Bus zahlen, und zwar sind das immerhin 19 Euro (auf der Rückreise drückten sie mir am Air-France Schalter immerhin ein Billet für diesen Bus in die Hand, ich nehme an für die Hinreise hatte ich den Transfer eigentlich auch schon gezahlt). Egal, Geldautomat fand ich auch noch und dann fuhr der erste Bus ohne mich ab (ohne meine Schuld, er war einfach schon voll). irgendwann war ich am Flughafen Orly, dort wieder Online-Checkin, Gepäck, zum Gate und warten. Und los gings auf die grosse Reise über den Atlantik. Also bei all der mühseligen Organisation und dem chaotischen Flughafen, eins muss man den Franzosen lassen. Sie haben erstklassiges Essen an Bord. Und so gab es neben einer kleinen Flasche Wein auch gleich 4cl martiniquanischen Rumpunsch zum Aperitiv. Lecker. Sonst war ich meist mit Lesen beschäftigt, damit ich am nächsten Tag auch nicht zuviel Unsinn erzähle.

Nach ca 8 Stunden Flugzeit landete ich in Martinique, dank der Zeitverschiebung schon gegen 16:00 Ortszeit. Ich muss sagen, der Landeanflug und die ersten Minuten auf der Insel haben mich sehr beeindruckt. Nach der langen Zeit in dieser Blechbüchse stehst du plötzlich in einer anderen Welt. Diese Farben, das Licht, die Pflanzen, es riecht so anders, die Leute schauen anders aus, sprechen anders, du bist plötzlich patschnass...

In einer Riesentraube wartete ich ca 45 min auf mein Gepäck - jawohl, auch die Uhren ticken anders.

Das Taxi zum Hotel kostete läppische 40 Euro (Martinique ist teuer... vielleicht hätte es auch irgendeinen public transport gegeben, aber dazu war ich nicht mehr bereit)...

Hotel ok, Zimmer deutlich grösser als ich es bisher auf solchen Ausflügen erlebt habe, Jörg reichlich müde. Und reichlich nervös. Kannte ja niemanden von den Leuten, denen ich da am nächsten Morgen Unterricht geben sollte. Wir hatten nicht mal eine Zeit fix ausgemacht, und wo das ganze stattfinden sollte, wusste ich auch nicht. Dachte generell, dass ein erstes Kennenlernen am Sonntag abend ganz gut wäre, aber war dazu jetzt überhaupt nicht motiviert. Schrieb also ein email (W-LAN war tadellos) an zwei der Kursteilnehmer (mehr email-Adressen hatte ich nicht) dass ich angekommen sei, aber saumüde und vorschlagen würde dass wir uns am nächsten Morgen zum Frühstück treffen sollten. Später kam dann eines zurück, das sei ok, sie seien die "grosse australische Gruppe". Gut. Ich war jetzt fast 24 Stunden auf den Beinen und legte mich schlafen, wachte am nächsten Morgen um 4 Uhr auf (Zeitverschiebung sei dank) und da ich nichts besseres zu tun hatte beschäftigte ich mich noch etwas mit Vorbereiten. Dann zum Frühstück - wo waren meine Aussis? Zwischen 7 und 8 hatten sie gesagt, nach ca 15 min. setzten sich 3 Leute an den Nachbartisch, sprachen irgendein Englisch. Dann kam noch jemand dazu, hatte ein T-Shirt mit "Fugro" Aufdruck. Das war der Name der Firma die mich angeheuert hatte. Ich also rüber zu ihnen und gefragt, ob sie die "grosse australische Gruppe" seien. Ja klar.

Wir vereinbarten um 9 Uhr in dem "Meetingraum" im U2, der nur von aussen zugänglich sein sollte. Ich probierte es natürlich erst von drinnen (Aufzug in den Keller) und hatte natürlich kein Glück. Mac mit DVI-to-VGA-Adapter anschliessen - kein Signal am Beamer. Anfängerpech. Zum Glück hatten meine Kursteilnehmer noch ein anderes Adapterkabel, so dass wir nach ca 15 min. die erste Präsentation beginnen konnten. Ich hatte an diesem ersten Tag drei Leute im Kurs, alles "Surveyors", also Vermessungsingeniere, und alles junge Leute, vielleicht 2-3 Jahre jünger als ich. Eine Frau war darunter, am zweiten Tag kamen noch zwei Jungs dazu. Und so war dann der Tagesablauf für die nächsten 4 Tage: 7:15 beim Frühstück, 8:30 Kursbeginn, irgendwann eine Kaffeepause, 12:30 - 14 Uhr Mittagspause (individuell) und dann nochmal bis ca halb sechs, sechs. Ich brauchte als Noch-Nicht-Routinier in solchen Dingen die Zeit vor dem Frühstück, die Mittagspause und die Zeit zwischen Kursende und Abendessen jeweils zur Vorbereitung, und so waren die Tage prächtig ausgefüllt. Die Sonne sah ich kaum und Sonnencreme brauchte ich auch nicht. Jeden Tag wachte ich eine Stunde später auf; das heisst um 5 am zweiten, um 6 am dritten und um 7 am vierten Tag. Allerdings hab ich am Mittwoch abend noch bis ca 3 in der Nacht mit einem Software-Problem und einer Präsentation beschäftigt, so dass die Nacht reichlich kurz war.

Hmm, jetzt möchte sich mein Laptop in den Ruhezustand begeben...Strom hab ich hier keinen, also schreibe ich zuhause weiter...

Einen Tag später, auf der Rückreise von Zürich nach Bern...

Ja, abends gingen wir meist zusammen in einer kleineren Gruppe runter in die Stadt (ca 15 min Fussweg) und in irgendeines der ganz netten Restaurants; das Essen war eigentlich immer vorzüglich und sicher nicht billiger als in der Schweiz.

Freitag war dann offiziell kein Kurs mehr, dafür sass ich in meinem Zimmer am Compi und hackte ein Batchscript zusammen welches die ganze Prozessierung etwas automatisieren kann. Die ersten Ergebnisse davon stellte ich den Leuten am Nachmittag vor, und danach fühlte ich mich zum ersten Mal in dieser Woche frei, etwas zu tun, auf das ich Lust hatte. Viel Zeit allerdings war nicht, es wird ja schon um halb sieben dunkel. Während mein Skript zu Testzwecken noch lief, erkundete ich die nähere Umgebung des Hotels und ging auch mal runter ans Meer, das hier keinen Beach hat sondern eher grobblockig ist.

Samstag war dann ein Ausflug zum aktiven Vulkan Monte Pelée angesagt, den ich in einem anderen Eintrag beschreibe. Sonntag dann noch den obligatorischen Ausflug zum Strand (erfordert einen Bootstransfer), aber der hat mich nicht umgehauen. Also die Hitze hat mich schon recht umgehauen, der Strand war ohne Latschen gar nicht begehbar weil so heiss...Noch recht sandig bin ich dann zurück nach Fort-de-France gefahren, hab in einem Café bei einem Bier noch Postkarten geschrieben, dann zurück ins Hotel und dann liess mich doch der Chefchef von Fugro Australia, der kurz auf Besuch gekommen war, höchstpersönlich in seinem Zimmer mit seinem überzähligen Handtuch eine Dusche nehmen! Was für meine Sitznachbarn im Flugzeug sicher von Vorteil war...